Die Zukunft quantitativer Modelle im Risikomanagement

Eine hochkarätig besetzte Runde aus Risk-Experten von Banken, Universitäten sowie Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen diskutierte am 3. Mai 2016 in Frankfurt über Zustand und Zukunft von Standardansätzen, Risikofaktormodellen, Simulationen und Regulierung.

Während sich im Grandhotel Hessischer Hof in Frankfurt eine südkoreanische Delegation auf das jährliche Treffen der Asian Development Bank einstimmte, fanden sich im Nebenraum zahlreiche Risikomanager aus Banken und Unternehmen ein. Das Ambiente wurde der elaborierten Expertenrunde mehr als gerecht, welche über eine Stunde eine spannende Diskussion führte. Roland Stamm, Partner bei Quaternion Risk Management, zeichnete verantwortlich für die inhaltliche Gestaltung des Abends und leitete die Diskussion. Diese entwickelte schnell eine Dynamik, die sowohl von übereinstimmenden als auch gegenläufigen Analysen der aktuellen Situation in der Risikomodellierung geprägt war.

Ausgangspunkt der Podiumsdiskussion war die Feststellung, dass sich Banken einerseits durch XVA und interne Modelle mit immer aufwendigeren Simulationen und immer komplexeren Modellen konfrontiert sehen, und andererseits die Regulatoren einen Trend in Richtung Standardansätze vorzugeben scheinen. In diesem Zusammenhang sollte ein Ausblick darauf gewagt werden, ob die Risikomodellierung in Zukunft eher durch Innovation oder stärkere Standardisierung geprägt sein wird.

Verbesserungswürdige Verständigung zwischen Banken und Regulator

Christian Fries, Head of Model Developement bei der DZ Bank, verwies auf das grundsätzliche Problem, dass Standardansätze in vielen Fällen nicht in der Lage seien, die Risiken einer Bank adäquat abzubilden. Ein Beispiel hierfür sei die Forderung, in jedem Fall eine einzige gültige Zahl als Bewertung zu Grunde zu legen. Gleichzeitig variiere diese Größe jedoch, je nachdem wer sie berechnet und zu welchem Zweck. Daher gelte es vor allem, die Diskrepanzen zwischen Accounting und Marktrealität so gut es geht auszuschalten.

Dirk Schubert, Partner Audit bei KPMG, war der Auffassung, dass die Verständigung der Banken mit dem Regulator auf Modellansätze ein unumgänglicher Weg sei, der sich jedoch als ein sehr steiniger herausstellen könnte. In diesem Kontext erkannte Patrick Büchel, Head of Market Risk Structured Finance bei der Commerzbank, zusätzlich das Problem der langwierigen, politisch gesteuerten Entscheidungsfindung. Dabei treffe diese Erkenntnis den Kern eines grundsätzlichen Problems: In Basel träfen sich viele Regulatoren mit ebenso vielen Prioritäten und Lösungsvorschlägen. Am Ende der Verhandlungen stehe dabei immer ein großer Kompromiss – der kleinste gemeinsame Nenner. Nun könnte man behaupten, dass dies eben das Charakteristikum demokratischer Beschlussfassung sei. Ein schwacher Trost – gerade im Hinblick auf die Schnelllebigkeit des Marktes und der zu bewertenden Produkte.

Von Bankenseite fehle es darüber hinaus oft auch an Vorschlägen zu umfassenden Modellen. Stattdessen würden – verständlicherweise – sehr detaillierte Entwürfe vorgelegt, welche die Schwerpunkte des eigenen Portfolios abbildeten. Daher sei es laut Schubert angeraten, ein effektiveres Kommunikationsmodell zwischen Banken und Regulierung zu schaffen, welches den Entscheidungsprozess erleichtern kann.

Roland Stamm warf in der Folge die Frage auf, ob Value Adjustments tatsächlich reale Größen darstellten oder eher einen Versuch großer Banken, dem Rest des Marktes durch Komplexität und damit mangelnde Transparenz aufzuzwingen. Christian Fries war der Ansicht, dass Value Adjustments selbstverständlich Berücksichtigung finden müssten. Grundsätzlich widerstrebe ihm aber das Prinzip, diese realen Kosten als Anpassungen an einen Preis oder eine Bewertung anzusehen, der damit ja automatisch als falsch entlarvt werde, sondern sie vielmehr gleich richtig in der Bewertung zu berücksichtigen.

Neue Geschäftsfelder durch Regulierung?

Im weiteren Verlauf lenkte Jörg Kienitz, Adjunct Associate Professor an der University of Cape Town, die Diskussion auf die Sinnhaftigkeit, Trades einzeln oder im Portfolio zu bewerten, wobei sich ein Konflikt zwischen der rechtlichen und der praktischen Komponente herauskristallisierte.

Uneinigkeit herrschte schließlich in dem Punkt, ob Regulierung und Modellierung auch eine Chance zur Entwicklung neuer Geschäftsfelder in sich tragen. Den Beteiligten wird sich die Gelegenheit bieten, dieser Frage weiter auf den Grund zu gehen. Und zwar bei der in Düsseldorf stattfindenden Neuauflage der Abendveranstaltung.

Verfasst von
Philipp Scherber

Aktualisiert am:
13. Mai 2016 / 13:05 Uhr

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