Brexit: Kosten zeigen sich vor allem auf lange Sicht

Am 23. Juni entscheidet sich in einem Referendum, ob Großbritannien Mitglied der EU bleibt oder aus derselben austritt. Ein „Brexit“ hätte weitreichende Folgen sowohl für die britische als auch für die europäische Wirtschaft. Von Marco Bargel

Die Abstimmung der Briten über einen Verbleib ihres Landes in der EU rückt immer näher. Dass sich die Wähler wie 1975 – als schon einmal eine Volksabstimmung über die EU-Mitgliedschaft durchgeführt wurde – mit überwältigender Mehrheit gegen einen Austritt aussprechen, ist eher unwahrscheinlich. Aktuelle Umfragen sagen eher ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraus, wobei das Lager der EU-Befürworter zuletzt leicht vorne lag. Seitdem Premierminister David Cameron auf dem Gipfeltreffen vom 18. bis 20. Februar dieses Jahres weitreichende Zugeständnisse und Sonderregelungen aushandeln konnte, wirbt er aktiv für einen Verbleib des Landes in der EU. Dies könnte – trotz einiger prominenter Gegenspieler – beim Referendum am 23.06. den Ausschlag zugunsten einer EU-Mitgliedschaft geben. Falls sich die Mehrheit wider Erwarten doch für einen EU-Austritt entscheiden sollte, stellt sich die Frage nach den Auswirkungen eines Brexit auf die Märkte und die Realwirtschaft.

Pfund Sterling anfällig für Rückschläge

Sollten die Briten am 23.06. mehrheitlich für einen Austritt ihres Landes aus der EU stimmen, ist an den Märkten wegen einer steigenden Unsicherheit mit größeren Ausschlägen zu rechnen. Vor allem das britische Pfund ist unseres Erachtens sehr anfällig für Rückschläge, da das Risiko eines Brexit in den Wechselkursen aktuell nur unzureichend berücksichtigt ist. Auch die Aktienmärkte in Europa dürften bei einem Sieg der EU-Gegner zunächst mit empfindlichen Kurseinbußen reagieren. Inwieweit diese Kursbewegungen nachhaltig sind, hängt entscheidend davon ab, ob sich die fundamentalen Bestimmungsgrößen der Marktkurse durch einen Brexit signifikant verändern.

Enge außenwirtschaftliche Verflechtung

Aufgrund der engen außenwirtschaftlichen Verflechtung Großbritanniens mit den anderen EU-Staaten sind bei einem EU-Austritt negative Effekte für den Außenhandel zu erwarten. Dies gilt in besonderem Maße für die exportorientierte deutsche Wirtschaft, für die Großbritannien die drittwichtigste Exportdestination darstellt. Besonders hoch sind die britischen Exportanteile in der deutschen Automobilindustrie sowie in der pharmazeutischen Industrie, sodass hier der potenziell größte Schaden entstehen würde. Umgekehrt sind die übrigen EU-Staaten mit einem Anteil von knapp 50 Prozent der wichtigste Absatzmarkt für die britische Wirtschaft. Eng verflochten ist die Insel mit dem Rest Europas zudem über Kapitaltransfers und ausländische Direktinvestitionen.

Mögliche Szenarien

In welchem Ausmaß durch einen Brexit Belastungen auftreten würden, hängt in starkem Maße von der Ausgestaltung der künftigen Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU ab. Hierbei sind mehrere Varianten denkbar:

Eine aus unserer Sicht extreme und unwahrscheinliche Option wäre der Status Großbritanniens als vollkommen unabhängiges Drittland, das keinen freien Zugang zum Binnenmarkt mehr hätte und somit auch den sonst üblichen Zollschranken unterworfen wäre. Der politische Vorteil einer größtmöglichen Unabhängigkeit von Vorgaben aus Brüssel würde hierbei teuer erkauft. Der Schaden für die britische Wirtschaft könnte sich in dieser Variante auf bis zu 14 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) belaufen. Auch für die deutsche Wirtschaft wäre die Belastung mit rund 0,5 Prozent des BIP durchaus signifikant.

Wegen des potenziell hohen wirtschaftlichen Schadens dürfte es aus Sicht Großbritanniens und der übrigen EU-Staaten besser sein, auch nach einem Brexit noch einen freien Güter- und Warenverkehr zu gewährleisten. Dies könnte in Form eines Freihandelsabkommens mit der EU, wie heute beispielsweise im Falle Norwegens oder der Schweiz, realisiert werden. In diesem Fall sollte sich der Schaden für die deutsche Wirtschaft nur auf etwa 0,2 Prozent des BIP belaufen. Und auch für die britische Wirtschaft sollte in diesem Szenario keine allzu große Belastung entstehen. Offen ist hierbei allerdings noch die Frage, wie die EU in den Verhandlungen mit Großbritannien in Bezug auf die übrigen Grundfreiheiten umgehen würde. Sicherlich wäre es im Interesse der EU, den Briten den Ausstieg nicht allzu leicht zu machen, um keinen Präzedenzfall für andere austrittswillige Mitgliedstaaten zu schaffen. Dies dürfte bedeuten, dass Großbritannien wohl Kompromisse mit Blick auf die Personenfreizügigkeit akzeptieren müsste, um weiterhin freien Zugang zum EU-Binnenmarkt zu erhalten. Außerdem müssten sich die Briten wohl bestimmten EU-Regelungen zum Kapitalmarkt und Bankensektor unterwerfen, um die Vorzüge der Kapital- und Zahlungsverkehrsfreiheit in Anspruch nehmen zu können. Andernfalls bestünde ein Risiko, dass es innerhalb der für Großbritannien wichtigen Finanzwirtschaft zu Abwanderungstendenzen käme.

Insgesamt wäre die politische Unabhängigkeit der Briten in diesem Szenario also nicht ganz so groß, wie es auf den ersten Blick erscheint. Da nach einem Austritt die politische Einflussnahme auf regulatorische und rechtliche Rahmenbedingungen nur noch sehr eingeschränkt möglich ist, könnten die notwendigen Kompromisse sogar noch eher als Diktat aus Brüssel empfunden werden, als dies aus Sicht vieler Wähler im Status quo der Fall ist.

Das wahrscheinliche Szenario einer Freihandelszone nach einem Brexit spricht gegen eine nachhaltige Belastung für die Realwirtschaft und Märkte. Die Kapitalmärkte dürften sehr wahrscheinlich nach einigen Wochen wieder zum „business as usual“ zurückkehren. Gleichwohl dürfte die Unsicherheit während der Verhandlungen über einen Austritt und die Bildung einer Freihandelszone, die sich über mindestens zwei Jahre hinziehen dürften, hoch bleiben. Während dieser Zeit könnten Investitionen zurückgestellt werden und die Märkte immer wieder mit erhöhter Nervosität auf neue Nachrichten zum Fortgang der Verhandlungen reagieren.

Langfristige Auswirkungen

Auch wenn sich die realwirtschaftlichen Auswirkungen eines Brexit auf Großbritannien, Deutschland und andere EU-Staaten zunächst in Grenzen halten würden: Auf lange Sicht wäre ein Austritt aus der EU eindeutig negativ zu bewerten. Eine der größten und dynamischsten Volkswirtschaften in Europa wäre dann nicht mehr Teil der Gemeinschaft. Die Wirtschaftsleistung der EU würde auf einen Schlag um 17 Prozent zurückgehen, der Markt in der EU mithin deutlich kleiner und die globale Bedeutung der EU geringer. Außerdem würde sich innerhalb der EU das Gewicht zugunsten der eher dirigistisch, „staatsgläubig“ ausgerichteten Staaten verschieben, was die Attraktivität der EU als Investitionsstandort schmälern dürfte. Es bleibt daher zu hoffen, dass sich die britischen Wähler am 23. Juni ökonomisch und politisch rational verhalten und für einen Verbleib ihres Landes in der EU stimmen werden.

Dr. Marco Bargel ist Chefvolkswirt der Postbank.
Bildnachweis: a_lis via istockphoto.de

Verfasst von
Marco Bargel

Aktualisiert am:
20. Juni 2016 / 09:57 Uhr

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